In Plato’s so-called ‘early’ or ‘Socratic’ dialogues, we encounter a view of human motivation that may be described as an 'evaluative and motivational monism' (Müller): actions are assessed along a single evaluative scale determined by their perceived contribution to the agent’s good, and agents are motivated by, and act in accordance with, what appears best in this sense. This theory of motivation has striking implications: no one does wrong knowingly, virtue is a form of knowledge, and the virtues ultimately collapse into the single excellence of wisdom. A significant shift occurs in the so-called 'middle dialogues', most prominently in the Republic: Plato now develops a pluralistic moral psychology, according to which the soul contains distinct sources of motivation capable of conflict. Human agency is structured around three 'parts' of the soul: reason (logos), appetite (epithumia), and spirit (thumos). Virtue no longer reduces to knowledge but requires the proper habituation and interplay of these parts.
Among these soul-parts, 'spirit' (thumos) presents a particular puzzle. Unlike reason and appetite, whose roles can be grasped relatively easily, spirit is more ambiguous and elusive. Plato connects it with anger and aggression, courage and steadfastness, shame and self-reproach, indignation at injustice, the pursuit of honour, and the desire for recognition. Yet the unity of these features is far from obvious, and commentators have often regarded thumos as 'one of the more bizarre creations of an already bizarrely creative period in Plato's life' (Hobbs).
In this Proseminar, we will try to make sense of Plato’s theory of spirited motivation, tracing its emergence and the development of its corresponding virtue, courage (andreia), from the early to the middle dialogues. In the first half of the course, we will study the Laches, in which Socrates and his interlocutors attempt to define courage, weighing conceptions that emphasize endurance against those that treat courage as ‘knowledge of what is to be feared and what dared’. We will also examine relevant sections of the Protagoras, where Socrates seeks to integrate courage, understood as 'wisdom concerning what things are and are not to be feared' into a unified conception of virtue. In the second half, we turn to the Republic and the transformation of Plato’s moral psychology that accompanies the introduction of a distinct 'spirited' element of the soul. Topics include the emergence of a spirited guardian class in book II; the primary education of the guardians' spirited element through music and gymnastics in books II–III; the definition of the parts and virtues of city and soul in book IV (including the famous case of Leontius and his inner battle of appetite and spirit); and the role of spirited desire in Plato’s analysis of the degeneration of political regimes and character types in books VIII–IX. By engaging closely with Plato’s dialogues as well as current scholarly literature, the course aims to show that Plato’s theory of spirited motivation is more than a ‘bizarre creation’, but instead contributes to a fascinating and philosophically interesting analysis of human motivation and action.
Die Nikomachische Ethik des Aristoteles ist die bekannteste und einflussreichste der drei im Corpus Aristotelicum überlieferten ethischen Schriften. Im Gegensatz zu den Dialogen seines Lehrers Platon, welche ethische Fragen stets in Verbindung mit ontologischen, epistemologischen, psychologischen etc. Fragen diskutieren (am eindrücklichsten wird diese atemberaubenden Breite von Themen in der Politeia deutlich), konzentriert sich Aristoteles hier ausschließlich auf Fragen der Ethik und kann mit Fug und Recht als Vater der Ethik als selbständige philosophische Disziplin bezeichnet werden. Mit ihrer Behandlung von Fragen wie der menschlichen Glückseligkeit (eudaimonia), der Tugenden, der Freiwilligkeit, der Unbeherrschtheit, der Lust und der Freundschaft stellt die Nikomachische Ethik dabei nicht nur ein zentrales Textzeugnis in der Geschichte der abendländischen Philosophie dar. Moderne Handlungstheorien, Tugend- und Glücksethiken sowie neue Ethiken der Parteilichkeit sehen die Nikomachische Ethik „nicht … nur als Klassiker der Philosophiegeschichte …, sondern als Klassiker der Philosophie schlechthin“ (Frede).
In diesem Hauptseminar werden wir die Nikomachische Ethik in Gänze durcharbeiten, um einerseits die argumentative Gesamtentwicklung nachzuvollziehen und andererseits zentrale Themen und aktuelle Forschungsfragen zu diskutieren. Neben den bereits angesprochenen Themen werden wir dabei auch Aristoteles’ Gütertheorie, das Funktionsargument, die Methoden der Nikomachischen Ethik, die Mesoteslehre, die charakterlichen und dianoetischen Einzeltugenden, die Gerechtigkeit sowie das Verhältnis von kontemplativem und praktischem Leben und Glück besprechen.
In diesem begleitenden Lektürekurs werden wir gemeinsam Schlüsselpassagen aus Aristoteles' Nikomachischer Ethik übersetzen. Neben der Diskussion des philosophischen Gehaltes der Passagen wird es hierbei Raum für die Besprechung der sprachlichen Nuancen und des zentralen Vokabulars geben.
Akrasia, zumeist übersetzt als „Willensschwäche“ oder „Unbeherrschtheit“, ist ein Versagen des absichtlichen, rationalen Handelns, das mit einer Form von mentalem Konflikt einhergeht. Sie liegt vor, wenn eine Person a) absichtlich x tut, b) glaubt, eine alternative Handlung y sei möglich, und c) urteilt, daß unter Berücksichtigung aller Umstände die Ausführung von y besser wäre als die Ausführung von x (Davidson). Da wir in solchen Fällen von „Handeln wider besseres Wissen“ unsere eigenen Standards nicht einhalten, stellt Akrasia für das betroffene Individuum primär ein praktisches oder moralisches Problem dar: wie bereits die Bezeichnung „Willensschwäche“ andeutet, wird die Disposition, die zur akratischen Handlung führt, als ein charakterliches und rationales Defizit wahrgenommen, welches Kritik oder Scham verdient, und welches vermieden oder überwunden werden sollte.
Das absichtliche Verletzen eines selbst gesetzten Standards bringt aber gleichzeitig auch ein philosophisches, präziser ein handlungstheoretisches Problem mit sich: wenn wir von einer engen Verknüpfung der handlungstheoretischen Trias Urteilen – Wollen – Handeln in dem Sinne ausgehen dass, wenn eine Person (1) x in höherem Maß will als y, und der Auffassung ist, dass ihr sowohl x als auch y offen stehen, sie, sofern sie entweder x oder y absichtlich ausführt, absichtlich x ausführen wird; und dass, wenn eine Person (2) urteilt, die Ausführung von x wäre besser als die Ausführung von y, sie x auch in höherem Maß tun will als y (Davidson)— dann sollte Akrasia unmöglich sein. Dem steht jedoch die Erfahrung entgegen, dass Fälle von Akrasia alltäglich vorkommen: „Akrasia in rational beings is as common as wine in France” (Searle). Zwischen der Skylla des Internalismus, der wegen der engen Verknüpfung von Urteilen, Wollen und Handeln das Phänomen der Akrasia wegerklären muss, und der Charybdis des Externalismus, welcher Raum für die Akrasia schafft, indem er diese Verknüpfung lockert, dabei aber die motivationale Wirksamkeit praktischer Urteile und die Rationalität unserer Handlung zu untergraben droht, ist ein fruchtbarer und interessanter philosophischer Diskurs entstanden, welchen wir in diesem Kurs nachverfolgen.
In unserem Proseminar beschränken wir uns dabei auf die gegenwärtige Debatte. Diese beginnt mit R.M. Hares „Backsliding“ (Freedom and Reason, 1963), der die Möglichkeit von „moral weakness“ abstreitet. Im Anschluss setzen wir uns mit D. Davidsons „How is Weakness of the Will Possible?“ (1970) auseinander, der eine folgenreiche Erklärung der Willensschwäche entwickelt. Im Verlauf des Seminars konzentrieren wir uns danach jede Sitzung auf einen Beitrag zum gegenwärtigen Akrasia-Diskurs. Dazu zählen etwa die skeptische Antwort auf Davidson in G. Watsons „Skepticism About Weakness of Will“ (1977); die internalistischen und externalistischen Reaktionen in M. Bratmans „Practical Reasoning and Weakness of the Will“ (1979) oder A. Meles Irrationality (1987); die Diskussion potentiell rationaler Fälle von Akrasia etwa in N. Arpalys „On Acting Rationally Against One’s Better Judgment“ (2000); die Fokusverschiebung von Urteilen auf Intentionen bzw. Resolutionen in R. Holtons „Intention and Weakness of Will“ (1999); sowie die Diskussion zur Verhältnisbestimmung zwischen Akrasia und Sucht in N. Heathers „Addiction as a Form of Akrasia“ (2016) und E. Hendens „Addiction, Compulsion, and Weakness of the Will: A Dual-Process Perspective“ (2016).
Platons “Staat” (Politeia) zählt zu den grundlegenden Texten der abendländischen Philosophiegeschichte und hat eine Schlüsselfunktion im Verständnis von Platons Denken. Wie der Titel vermuten lässt, präsentiert die Politeia unter anderem—erstmalig in der griechischen Philosophie—eine systematisch entwickelte politische Theorie. Jedoch beginnt der Dialog mit einer Unterhaltung über das Individuum und die Frage, ob und wie individuelle Gerechtigkeit ein gutes Leben und Glück gewährleistet oder diesem im Gegenteil im Wege steht. Obwohl sich die Diskussion nach einem gescheiterten ersten Anlauf zunächst dem idealen Staat, seinen Institutionen und der rechten Erziehung zuwendet, gerät die Frage nach Wesen und Nutzen der Gerechtigkeit in der Individualseele nicht aus dem Blick. Vielmehr sind die beiden Untersuchungen zu einem kunstvollen Ganzen verwoben.
Neben politischer Theorie und der einflussreichen moralpsychologischen Analyse der dreigeteilten Seele werden dabei eine atemberaubende Breite von Themen abgehandelt: zu nennen seien hier etwa die komplexe epistemologische und metaphysische Untersuchung der Mittelbücher mit ihrer Unterscheidung zwischen sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungen und vernünftig erkennbaren Formen, die berühmt-berüchtigte Diskussion der Rolle von Dichtung für die Charakterbildung und ihre Zensur in Büchern II–III und X, oder die die Frage nach Unsterblichkeit und wahrem Wesen der Seele in Buch X.
In diesem Hauptseminar verorten wir die Politeia zunächst in Platons historischen Kontext und in seinem Gesamtwerk. Danach arbeiten wir uns gemeinsam durch den gesamten Dialog, um seine argumentative Entwicklung nachzuvollziehen, seine zentralen Themen zu verstehen und aktuelle Forschungsfragen zu diskutieren.
In diesem begleitenden Lektürekurs werden wir gemeinsam Schlüsselpassagen aus Platons Staat (Politeia) übersetzen. Neben der Diskussion des philosophischen Gehaltes der Passagen wird es hierbei Raum für die Besprechung der sprachlichen Nuancen und des zentralen Vokabulars geben.
Akrasia, üblicherweise übersetzt mit “Willensschwäche” oder “Unbeherrschtheit”, beschreibt das Versagen des absichtlichen, rationalen Handelns, das mit einer Form von mentalem Konflikt einhergeht. Sie liegt vor, wenn eine Person (1) absichtlich eine Handlung x ausführt, (2) der Auffassung ist, die Möglichkeit einer alternativen Handlung y zu besitzen, und (3) y alles in allem für die bessere Option hält (Davidson). Die Analyse solcher Fälle von “Handeln wider besseres Wissen” ist ein interessanter Prüfstein, der es uns ermöglicht, die Moralpsychologie verschiedener antiker Philosophen und Schulen zu vergleichen und zu bewerten. Die Thematik eignet sich als instruktiver Einstieg in antike Moralpsychologie und Handlungstheorie, da sie es erlaubt, vertraute Intuitionen über unser eigenes Geistesleben mit einer genauen Lektüre relativ gut umgrenzter Argumente bei den verschiedenen Autoren zu verbinden. Sie bietet außerdem die Möglichkeit der systematischen Bezugnahme auf zeitgenössische Theorien der Willensschwäche.
Das Proseminar nimmt seinen Ausgangspunkt beim historischen Sokrates und der ihm allgemein zugeschriebenen Position, nach welcher Akrasia unmöglich ist. Es diskutiert danach die allgemein konstatierte Entwicklung in Platons Denken von einem “sokratischen” intellektualistischen Monismus in früher datierten Dialogen hin zur dreigeteilten Seele mit ihrem evaluativen und motivationalen Pluralismus (Müller) in den sogenannten Mitteldialogen, welches eine neue Möglichkeit zu bieten scheint, das Phänomen der Akrasia zu erklären. Der Kurs beschäftigt sich ferner mit Aristoteles und seinem Versuch in Buch VII der Nikomachischen Ethik, die Analyse einer geteilten Seele mit der sokratischen Überzeugung zu verbinden, dass Wissen nicht “überwältigt” werden kann und Fälle von mentalem Konflikt daher immer mit einem Versagen des Urteils und damit der Vernunft einhergehen müssen. Mit den Stoikern schließt sich der Kreis zu Sokrates, da diese ebenfalls die Existenz eines irrationalen Seelenteils bestreiten und infolgedessen ausgefeilte Erklärungsmodelle für scheinbare Fälle von Akrasia entwickeln.
In einem letzten Schritt wenden wir uns der spätantiken christlichen Philosophie und der Rezeption von Kapitel 7 des paulinischen Römerbriefs zu. Mit Augustinus und seiner Willenslehre erreichen wir dabei den historischen Punkt, an welchem Akrasia erstmals als eine Schwäche des Willens konzeptualisiert wird. Im Verlauf des Seminars werden wir Verbindungen zu zeitgenössischen Diskussionen der Willensschwäche herstellen und uns mit zentralen Forschungsfragen der Sekundärliteratur befassen.
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